• Tereza Kuldova

THESEN ZUR #METOO-DEBATTE



1. Es ist vollkommen klar - und wohl auch massiver mehrheitlicher Konsens in der Gesellschaft -, dass Frauen (wie auch alle anderen) vor Vergewaltigung, Missbrauch, sexueller Nötigung und ähnlichen schweren Vergehen geschützt werden müssen. Wenn Arbeitsverhältnisse solche schweren Vergehen regelmäßig begünstigen, dann müssen sie verändert werden. Ob Initiativen auf sozialen Medien wie "#me too" dazu einen brauchbaren Beitrag leisten, ist allerdings eine andere Frage. Was "#me too" zweifellos erreicht hat ist, eine Stimmung zu kreieren. Dank des Widerhalls in den Medien, in denen sexueller Missbrauch sich heute besser verkauft als der Sex selbst, sind breite Kreise der Bevölkerung nun "sensibilisiert". Die Frage ist, wofür genau.


Diesbezüglich bleibt "#me too" offensichtlich eine Antwort schuldig: diesem primitiven Satzfragment, das aus einem Tarzanfilm stammen könnte, fehlt nämlich das Prädikat. Es verrät nicht, was genau dem jeweiligen "me" hier "auch" widerfahren ist.


So kommt es, dass die unterschiedlichsten subjektiven Erfahrungen hier zusammengeworfen werden: Frauen, die tatsächlich vergewaltigt wurden; Männer, die unsittlich begrapscht wurden; Frauen, denen Karrieremöglichkeiten gegen Sex angeboten wurden; andere, die nur massiert wurden oder massiert haben; bis hin zu solchen, die in der Arbeit (oder in der sie umgebenden Grauzone) mit "Schatzi" angesprochen wurden.


2. Diese Unterschiedslosigkeit birgt mehrere Gefahren in sich.

Es mag zwar sein, dass sich durch das Beispiel der prominenten Hollywoodschauspielerinnen nun auch Frauen in schlechter bezahlten Berufen und mit weniger Zugang zur Öffentlichkeit ermutigt fühlen, Übergriffe zu melden und sich zu wehren. Wahrscheinlicher aber scheint es, dass durch das glamouröse und medienwirksame Bild jener Frauen, die hochbezahlte Karrieren gegen Sex angeboten bekommen, abgelenkt wird von dem ganz anderen, weitaus massiveren Leid, das vergewaltigten Frauen widerfährt sowie jenem von Frauen in schlecht bezahlten Berufen, die regelmäßig Übergriffe erleiden, ohne dafür jemals irgendwelche Vorteile in Aussicht gestellt zu bekommen. Die geforderte gesellschaftliche "Sensibilisierung" würde bewirken, dass das Leid und seine Anerkennung sozial nach oben verteilt würde, von den ärmeren zu den reicheren und einflussreicheren Frauen.


Der in den USA betriebene elitäre und zunehmend inflationäre Gebrauch von Begriffen wie "Vergewaltigung" und "Übergriff" bewirkt, dass der Hilferuf von Frauen, die wirklich in Not sind, in Zukunft noch mehr überhört werden könnte als bereits bisher. Wenn der Eindruck entsteht, dass es hier nur darum geht, einflussreiche Männer anzuschwärzen, damit sie ihre Positionen verlieren, dann sind durch diese Debatte die am meisten betroffenen Frauen noch stummer gemacht, als sie es vorher waren.


3. Besonders fragwürdig und problematisch ist die immer wieder vorgebrachte Behauptung, es käme auf das Empfinden der betroffenen Frau an. Dies ist in mehrfacher Hinsicht falsch.

1) Können auch Frauen sich irren, auch in ihren Empfindungen.

2) Kann man aus subjektiven Empfindungen keine objektiven Sanktionen ableiten.

3) Sind sich auch die Täter sich meist völlig im Klaren darüber, wenn es sich um Übertretungen handelt. Kein Vergewaltiger glaubt ernsthaft, vergewaltigen wäre ganz OK. Und auch die Grapscher in der U-Bahn bemühen sich, nicht erwischt zu werden.

4) Darf man von allen Beteiligten verlangen, sich im öffentlichen Raum nicht an die eigenen Empfindungen, sondern an das für alle Erwachsenen zumutbare Maß an Resilienz zu halten. Der öffentliche Raum fordert hier oft weniger, manchmal aber auch mehr, als das persönliche Empfinden zulässt (um ein extremes Beispiel zu nennen: Staatschefs zum Beispiel müssen einander küssen, gleichgültig welchen Geschlechts und welcher Orientierung sie sind). Diese Forderung ist zulässig und erwachsenen Menschen jedweden Geschlechts zumutbar. Man wertet das, was den meisten betroffenen Frauen passiert, völlig ab, wenn man das nur zu subjektiven Empfindungsqualitäten verharmlost. Das liegt alles nämlich meist weit über dem für Erwachsene jedweden Geschlechts zumutbaren Maß.


4. Bei den übrigen derzeit in Österreich heftig diskutierten, milderen Vorfällen am Arbeitsplatz, zum Beispiel wenn eine Frau mit "Schatzi" angesprochen wird, handelt es sich (wenn überhaupt) um Übertretungen, die im privaten Bereich als solche manchmal in Ordnung oder sogar geboten sind, im Umgang zwischen sozialen Rollen aber meistens nicht. Was hier (gegebenenfalls) verletzt wird, ist darum nicht das persönliche Empfinden, sondern vielmehr der Unterschied zwischen öffentlicher Rolle und privater Person. Auch diese Unterscheidung ist leicht zu begründen und nachvollziehbar und beruht nicht nur auf subjektivem Empfinden.


5. Das Problem wird durch die #me too-Debatte personalisiert: einzelne prominente Personen werden ohne jegliche Unschuldsvermutung, ohne Möglichkeit der Anhörung oder Verteidigung an den Pranger gestellt unmöglich gemacht. Sie sind, wie zum Beispiel aktuell Kevin Spacey, beruflich schon ruiniert - selbst durch relativ geringe Vorwürfe, ehe überhaupt irgendeine Anschuldigung geprüft werden konnte. Wenn dieser Hexenjagd-Atmosphäre nicht entschieden entgegengetreten wird, nimmt der öffentliche Raum massiven Schaden.


6. Die in der aktuellen Debatte hastig vorgeschlagene Patentlösung - mehr Frauen in Machtpositionen - scheint wenig geeignet, Abhilfe zu schaffen. Denn es ist ja offensichtlich: Das Problem liegt an der Macht, und nicht nur an den Männern. Wenn das Machtgefälle unverändert bleibt und nur die geschlechtliche Zusammensetzung sich ändert, dann werden in Zukunft eben vermehrt Frauen in Machtpositionen ihre Macht ausnützen - auch sexuell. Denn Frauen sind wohl nicht ihrem Wesen nach ("essentiell") weniger sexuell bedürftig als Männer. (Gerade berichtet die Zeitschrift "biber" über eine Reihe von Fällen, in denen ältere Österreicherinnen junge geflüchtete Syrer und Afghanen in Abhängigkeit halten, indem sie ihnen Unterkunft und Geschenke gegen Sex bieten).[1]


7. Das Problem hat aktuell entscheidend mit den Berufssparten zu tun, aus denen es stammt: Filmbranche, Journalismus, Politik. Das sind - wegen der Konkurrenz durch elektronische Medien und der neoliberalen Entwertung der Politik - alles Branchen im wirtschaftlichen Niedergang, in denen es in Zukunft wohl nicht mehr in solchem Maß Jobs geben wird wie noch für die letzte, derzeit herrschende Generation. Das ermöglicht den Mächtigen, mehr Druck auf ihre Untergebenen auszuüben und die Jobs mit mehr persönlicher Willkür zu vergeben; andererseits erklärt es auch die verstärkte Sehnsucht einer jungen Generation, die älteren mächtigen Männer (und Frauen) endlich, mit welchen Mitteln auch immer, aus ihren Positionen zu werfen. Und es erklärt den verstärkten Konkurrenzdruck innerhalb der jungen Generation, die nun mit allen Mitteln versuchen muss, sich mit einer gewachsenen Zahl von gut ausgebildeten Bewerberinnen und Bewerbern um eine kleiner werdende Zahl von Jobs zu matchen. Dadurch steigt unter ihnen sowohl die Bereitschaft, Sex als Karrierewaffe einzusetzen, als auch die Bereitschaft, mithilfe der Androhung eines Belästigungsvorwurfs den eigenen Aufstieg zu erpressen.


8. Wenn die von #me too angeheizte Stimmung dazu führt, dass selbst kleinste und auch rechtlich verjährte Belästigungsvorwürfe sofort zur "Unhaltbarkeit" von Personen führen, dann wird damit eine Diffamierungswaffe geschaffen, die ihresgleichen sucht.

Diese Waffe wird sich in Zukunft wohl vermehrt auch gegen jene erfolgreichen Frauen richten, die in Machtpositionen gelangen.


9. Schließlich erscheint es uns wichtig, auf die politischen Bedeutung der Debatte und ihre aktuellen Risiken hinzuweisen: Die von der aktuell aufgeheizten "#me too"-Stimmung nahegelegten Konsequenzen bergen wie dargestellt drei nicht zu unterschätzende Gefahren: (1) dass durch die unterschiedslose Zusammenwürfelung grober Verbrechen mit kleinen Vergehen in Zukunft den am schwersten betroffenen Frauen weniger geholfen wird als jenen in den öffentlichkeitswirksameren, besser bezahlten Branchen und dass folglich die nun entstandene Empörung zunehmend als ein Elitenproblem wahrgenommen wird; (2) dass die häufig geforderte Ausrichtung der Kriterien nach dem "subjektiven Empfinden" der Betroffenen jegliche Rechtssicherheit außer Kraft setzt; und (3) dass die ständig geforderte "Sensibilisierung" jeglichen Umgang im öffentlichen Raum enorm erschwert - so sehr, dass nicht die geringste höfliche, charmante oder scherzende Leichtigkeit mehr möglich sein wird, ohne dass alle Beteiligten den Einsatz ehrgeiziger amtlicher Bürokratien oder selbsternannter puritanischer Sprach- und Tastpolizeieinheiten befürchten müssen. (In diesem Punkt haben Nina Proll wie auch Angelika Hager recht, wenn sie an die Frage erinnern, wie denn eigentlich die Welt aussehen soll, in der wir leben wollen.)


Wenn auf die von "#me too" hervorgerufene Stimmung wieder einmal mit jener hastigen und schlecht durchdachten, scheinprogressiven neoliberalen Pseudopolitik reagiert wird, wie sie in den letzten Jahren zum Beispiel in Bezug auf Sprachregelungen oder diverse Verbote oft zu beobachten war, und wenn dabei genau diese drei Gefahren nicht beachtet werden, dann erzeugt man damit eine phantastische Angriffsfläche für die bereits freudig lauernde populistische Rechte.


Dann fällt ihr nämlich eine Reihe von Anliegen als Beute in den Schoß, die ihrem Inhalt nach eigentlich Anliegen der Linken und der liberalen Mitte sein müssten. Die Rechte kann sich dann präsentieren als Verfechterin des offenen, heucheleifreien Redens über die wirklichen Sorgen der einfachen Leute; als die Verteidigerin objektiver bürgerlicher Rechtsstandards; und sogar als Hüterin eines sorglosen, unverkrampften Umgangs zwischen den Geschlechtern im öffentlichen Raum.

[1] http://www.dasbiber.at/content/sugar-mamas-und-ihre-fluechtlinge

Zur Häufigkeit sexueller Übergriffe von Frauen gegenüber Männern siehe:

https://www.scientificamerican.com/article/sexual-victimization-by-women-is-more-common-than-previously-known/

https://www.theatlantic.com/science/archive/2016/11/the-understudied-female-sexual-predator/503492/

https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/jun/09/breaking-wall-secrecy-sexual-abuse-men-women

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